Finanztip der Woche:

Sparen statt Autofahren

Der Newsletter "Finanztip" (Nr. 41 / 13. Oktober 2017) empfiehlt unter anderem das Feilschen mit dem Internetanbieter oder der Bank, weist Studenten auf Spartipps hin, informiert ausführlich über günstiges Telefonieren ins Ausland. Das Autorenteam steht unter der Leitung des ehemaligen Chefredakteurs der Zeitschrift "Finanztest" der Stiftung Warentest, Hermann-Josef Tenhagen. Eindrucksvoll die Zahl der Woche am Ende des Newsletters: "130.000 Euro können Sie im Laufe Ihres Lebens sparen, wenn Sie sich kein Auto anschaffen. Kosten für Bahn, Taxi und Mietwagen schon abgezogen." Damit zitiert Finanztip einen Beitrag des WDR-Wissenschaftsmagazins Quarks.

 

 

Aus dem Mittelalter lernen?

Es hat sicherlich Zeiten in der europäischen Geschichte geben, in denen die Lücke zwischen Arm und Reich nicht so groß gewesen ist wie heute. Interessant an dem hier verlinkten  Text über das „goldene“ Mittelalter, eine „zinsfreie Zeit zwischen dem 12 und 15. Jahrhundert“, sind manche Schilderungen über den Lebensstandard und die Wohlstandsverteilung. Aber die einleitende Darstellung glaube ich einfach nicht: „Ganze 300 Jahre lebten die Menschen ohne Geldsorgen und Arbeitsdruck.“
Auch zu der Zeit gab es meines Wissens böse Herrscher und schreckliche Kriege auf der Welt: Aus dem Mittelalter lernen? weiterlesen

Wissenschaft fordert Politik heraus

Buchkritik über Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, aufwändige wissenschaftliche Darstellung über die Entwicklung des Kapitals zwischen 1870 und 2010, ISBN 978-3-406-67131-9

Thomas Piketty hat eindeutig belegt, dass der Umgang mit Kapital in weit größerer Notwendigkeit reguliert werden muss, als es in der aktuellen politischen Debatte diskutiert wird. Seine Argumente entstammen der akribischen Untersuchung von Kapitalbildung in mehr als zwei Jahrhunderten und etwa 20 Ländern dieser Welt, vor allem in Europa und den USA, bis etwa 2010.

Seine Schlussfolgerungen sind überzeugend:

  1. Transparenz, denn nur wenn die Vermögenden und die Banken gezwungen werden, die Kapitalbildung offenzulegen, gibt es die erforderlichen Grundlagen sowohl für wissenschaftliche Erkenntnisse als auch für die offene demokratische Debatte über politisches Handeln.
  2. Progressive Steuern auf Vermögen, denn ohne diese zusätzliche Einnahme der Staaten wird die Konzentration des Kapitals in wenigen Händen nicht zu verhindern sein; abgesehen davon, dass die mit keinem Leistungsideal zu vereinbarenden Spitzeneinkommen und riesige Erbschaften dringend abgeschöpft werden müssen zur Investition in Bildung und soziale Sicherheit.

Piketty, soviel ist der Lektüre seines Werkes „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ unzweideutig zu entnehmen, ist kein ideologischer Kritiker des Kapitalismus. Umso mehr können die Erkenntnisse, die er aus der jahrzehntelangen Auswertung von öffentlich zugänglichen Quellen gewinnt, die parteienübergreifende Debatte befruchten.

Anhänger des Kapitalismus mögen vielleicht noch die Achseln zucken, wenn sie lesen, dass in den industriell hoch entwickelten Ländern – namentlich Frankreich, Großbritannien, USA und Deutschland – jeweils die Hälfte der Bevölkerung mit fünf Prozent des gesamten privaten Kapitals praktisch kaum Vermögen hat. Piketty meint, das Vermögen der Armen sei die staatliche Altersversorgung und betont sehr kritisch die Ungewissheit, die junge Generationen beim aktuellen politischen Umgang mit ihren Aussichten auf Renten derzeit zu erdulden haben.

Aber auch den Freunden des Kapitals kann nicht gefallen, wenn Piketty nachweist, dass 2010 die reichsten zehn Prozent in Europa 60 und in den USA 70 Prozent der Vermögens besitzen. Davon haben die reichsten ein Prozent („die herrschende Schicht“) in Europa 25 und in den USA 35 Prozent, die nächsten neun Prozent – die Piketty die „wohlhabende Schicht“ nennt – 25 in Europa und 35 Prozent in den USA. Bleibt also für die „Mittelschicht“ der Anteil von 35 Prozent in Europa und 25 Prozent in den USA.

Ist alles -noch- nicht so schlimm wie am Vorabend des ersten Weltkrieges, als in Europa die ärmste Hälfte der Bevölkerung, die „Unterschichten“,  nur fünf Prozent besessen hat, die Mittelschicht (damals wie heute 40 Prozent der Bevölkerung) hatte aber genausowenig. Und die „wohlhabenden“ neun Prozent verfügten über 40 Prozent, die „herrschenden“ ein Prozent über 50 Prozent des Gesamtvermögens. (Tabelle 7.2, „Die Ungleichheit des Kapitals in Zeit und Raum“, Seite 372)
Diese Daten sind auch für Freunde des Kapitalismus verstörend, weil Piketty nachweist, dass die Rendite des Kapitals umso höher ist, je größer der Kapitalstock ist. Glaubwürdig naheliegend ist also seine Schlussfolgerung, dass aus dem von ihm ausführlich dargelegten „Gesetz“ r > g (Rendite ist, wenn es keinen politischen Einfluss gibt, dauerhaft größer als das Wachstum) die logische Konsequenz unausweichlich ist:

Bald gehört die Welt wenigen Oligarchen. Wenn die Politik nicht eingreift.

Zu Beginn des vorigen Jahrhundert hat die Politik auch eingegriffen, aber diese Art von Kapitalvernichtung können wir uns Alle nicht wünschen. Der Erste Weltkrieg, die wirtschaftlich desolate Zwischenkriegszeit und der Zweite Weltkrieg haben Kapital in unvorstellbarem Umfang vernichtet.

Piketty nennt gelegentlich auch absolute Zahlen, greift aber zumeist auf aussagekräftige relative Werte zurück. So bemisst er das Privatkapital in Europa zwischen 1870 und 1910 auf fast 700 Prozent des jährlichen Nationaleinkommens. Die Abweichungen zwischen den politisch völlig unterschiedlich gesteuerten Ländern Frankreich, Großbritannien und Deutschland sind übrigens verblüffend klein. 1950 ist das Privatkapital in Europa auf etwas mehr als 200 Prozent des Nationaleinkommens gesunken. Bis 1980 steigt es eher sanft auf über 300 Prozent an, danach zeigt die Kurve steil nach oben, auf mehr als 550 Prozent in 2010.

Die Zusammenhänge mit politischen Entscheidungen sind unübersehbar. Die Einkommenssteuern sind erst um die Jahrhundertwende und vor dem Ersten Weltkrieg in den industrialisierten Ländern in nennenswerter Höhe eingeführt worden. Nach 1945 bis in die 1970er Jahre hinein sorgen hohe Einkommenssteuern dafür, dass die Kapitalrendite – nach Steuern – unter der Wachstumsrate bleibt.

Diese Politik führte zu einer breiten Streuung von Vermögen, zur Bildung einer starken Mittelschicht. Die Ideologie der Ökonomen mit ihren neoliberalen Vorstellungen und wachsende Arbeitslosigkeit haben das Blatt gewendet. Sinkende Einkommensteuern für hohe Vermögen schufen neue Anreize für rasant steigende Einnahmen der Manager und Kapitalanleger. Der Trend ist belegbar, in naher Zukunft erreicht die ungleiche Konzentration des Kapitals in privaten Händen wieder die Dimension von 1913.

 Piketty rät dringend zum Umsteuern, Zitat aus der Schlussbetrachtung, Seite 787:

Die geeignete Lösung wäre eine jährlich erhobene progressive Kapitalsteuer. Das würde dem unbegrenzten Anwachsen der globalen Vermögensungleichheiten Einhalt gebieten, die derzeit in einem Tempo zunehmen, das auf lange Sicht nicht mehr tragbar ist und selbst die glühendsten Vertreter der Idee vom sich selbst regulierenden Markt mit Sorge erfüllen sollte. Derart unverhältnismäßige Vermögensungleichheiten, auch das lässt sich aus der Geschichte lernen, haben mit dem Geist des Unternehmertums nichts mehr zu tun, und sind dem Wachstum alles andere als zuträglich. Sie haben, anders gesagt, keinerlei Gemeinnutzen, um den schönen Begriff aus dem ersten Artikel der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte zu zitieren, mit dem wir dieses Buch eröffnet haben.
Die Schwierigkeit dieser Lösung liegt darin, dass die progressive Kapitalsteuer ein sehr hohes Mass an internationaler Koordination und regionaler politischer Integration erfordert. Sie liegt nicht in Reichweite der Nationalstaaten, in deren Grenzen frühere soziale Kompromisse ausgehandelt wurden.“


Abschließend erlaube ich mir, den eigenen Gedanken zu formulieren, den ich im Buch indirekt bestätigt finde:

Jeglicher Reichtum ist nur möglich, weil eine große Zahl von Menschen zumeist mit kleinen Beträgen Güter und Dienstleitungen kaufen muss, kaufen will, kaufen kann. Wohlstand für die Masse der einfach arbeitenden Menschen schafft die Bedingungen für Reichtum in sozialem Frieden.

Dezember 2014, Bernd Kirchhof