Aus dem Mittelalter lernen?

Es hat sicherlich Zeiten in der europäischen Geschichte geben, in denen die Lücke zwischen Arm und Reich nicht so groß gewesen ist wie heute. Interessant an dem hier verlinkten  Text über das „goldene“ Mittelalter, eine „zinsfreie Zeit zwischen dem 12 und 15. Jahrhundert“, sind manche Schilderungen über den Lebensstandard und die Wohlstandsverteilung. Aber die einleitende Darstellung glaube ich einfach nicht: „Ganze 300 Jahre lebten die Menschen ohne Geldsorgen und Arbeitsdruck.“
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Das garantierte Grundeinkommen wird kommen, weil…

In Gesprächen mit ungefähr gleich alten Menschen können Gesundheitsfragen und der Rückblick auf die „gute alte Zeit“ schon mal breiten Raum einnehmen. Beides will ich hier jetzt ausblenden und auf die Zukunft blicken, was bekanntlich mit gewissen Unsicherheiten verbunden ist. In einer Frage gewinne ich – langsam aber sicher – eine ziemlich feste Meinung: Es wird in absehbarer Zeit ein garantiertes Grundeinkommen für alle geben. Warum das nahezu unausweichlich ist, erklärt der Chef der GLS-Bank (bei der ich mein Konto habe) in diesem 4:42 Minuten langen Video-Beitrag auf dieser Internetseite:

https://blog.gls.de/allgemein/bedingungsloses-grundeinkommen-wir-koennen-jeden-versorgen/

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Wissenschaft fordert Politik heraus

Buchkritik über Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, aufwändige wissenschaftliche Darstellung über die Entwicklung des Kapitals zwischen 1870 und 2010, ISBN 978-3-406-67131-9

Thomas Piketty hat eindeutig belegt, dass der Umgang mit Kapital in weit größerer Notwendigkeit reguliert werden muss, als es in der aktuellen politischen Debatte diskutiert wird. Seine Argumente entstammen der akribischen Untersuchung von Kapitalbildung in mehr als zwei Jahrhunderten und etwa 20 Ländern dieser Welt, vor allem in Europa und den USA, bis etwa 2010.

Seine Schlussfolgerungen sind überzeugend:

  1. Transparenz, denn nur wenn die Vermögenden und die Banken gezwungen werden, die Kapitalbildung offenzulegen, gibt es die erforderlichen Grundlagen sowohl für wissenschaftliche Erkenntnisse als auch für die offene demokratische Debatte über politisches Handeln.
  2. Progressive Steuern auf Vermögen, denn ohne diese zusätzliche Einnahme der Staaten wird die Konzentration des Kapitals in wenigen Händen nicht zu verhindern sein; abgesehen davon, dass die mit keinem Leistungsideal zu vereinbarenden Spitzeneinkommen und riesige Erbschaften dringend abgeschöpft werden müssen zur Investition in Bildung und soziale Sicherheit.

Piketty, soviel ist der Lektüre seines Werkes „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ unzweideutig zu entnehmen, ist kein ideologischer Kritiker des Kapitalismus. Umso mehr können die Erkenntnisse, die er aus der jahrzehntelangen Auswertung von öffentlich zugänglichen Quellen gewinnt, die parteienübergreifende Debatte befruchten.

Anhänger des Kapitalismus mögen vielleicht noch die Achseln zucken, wenn sie lesen, dass in den industriell hoch entwickelten Ländern – namentlich Frankreich, Großbritannien, USA und Deutschland – jeweils die Hälfte der Bevölkerung mit fünf Prozent des gesamten privaten Kapitals praktisch kaum Vermögen hat. Piketty meint, das Vermögen der Armen sei die staatliche Altersversorgung und betont sehr kritisch die Ungewissheit, die junge Generationen beim aktuellen politischen Umgang mit ihren Aussichten auf Renten derzeit zu erdulden haben.

Aber auch den Freunden des Kapitals kann nicht gefallen, wenn Piketty nachweist, dass 2010 die reichsten zehn Prozent in Europa 60 und in den USA 70 Prozent der Vermögens besitzen. Davon haben die reichsten ein Prozent („die herrschende Schicht“) in Europa 25 und in den USA 35 Prozent, die nächsten neun Prozent – die Piketty die „wohlhabende Schicht“ nennt – 25 in Europa und 35 Prozent in den USA. Bleibt also für die „Mittelschicht“ der Anteil von 35 Prozent in Europa und 25 Prozent in den USA.

Ist alles -noch- nicht so schlimm wie am Vorabend des ersten Weltkrieges, als in Europa die ärmste Hälfte der Bevölkerung, die „Unterschichten“,  nur fünf Prozent besessen hat, die Mittelschicht (damals wie heute 40 Prozent der Bevölkerung) hatte aber genausowenig. Und die „wohlhabenden“ neun Prozent verfügten über 40 Prozent, die „herrschenden“ ein Prozent über 50 Prozent des Gesamtvermögens. (Tabelle 7.2, „Die Ungleichheit des Kapitals in Zeit und Raum“, Seite 372)
Diese Daten sind auch für Freunde des Kapitalismus verstörend, weil Piketty nachweist, dass die Rendite des Kapitals umso höher ist, je größer der Kapitalstock ist. Glaubwürdig naheliegend ist also seine Schlussfolgerung, dass aus dem von ihm ausführlich dargelegten „Gesetz“ r > g (Rendite ist, wenn es keinen politischen Einfluss gibt, dauerhaft größer als das Wachstum) die logische Konsequenz unausweichlich ist:

Bald gehört die Welt wenigen Oligarchen. Wenn die Politik nicht eingreift.

Zu Beginn des vorigen Jahrhundert hat die Politik auch eingegriffen, aber diese Art von Kapitalvernichtung können wir uns Alle nicht wünschen. Der Erste Weltkrieg, die wirtschaftlich desolate Zwischenkriegszeit und der Zweite Weltkrieg haben Kapital in unvorstellbarem Umfang vernichtet.

Piketty nennt gelegentlich auch absolute Zahlen, greift aber zumeist auf aussagekräftige relative Werte zurück. So bemisst er das Privatkapital in Europa zwischen 1870 und 1910 auf fast 700 Prozent des jährlichen Nationaleinkommens. Die Abweichungen zwischen den politisch völlig unterschiedlich gesteuerten Ländern Frankreich, Großbritannien und Deutschland sind übrigens verblüffend klein. 1950 ist das Privatkapital in Europa auf etwas mehr als 200 Prozent des Nationaleinkommens gesunken. Bis 1980 steigt es eher sanft auf über 300 Prozent an, danach zeigt die Kurve steil nach oben, auf mehr als 550 Prozent in 2010.

Die Zusammenhänge mit politischen Entscheidungen sind unübersehbar. Die Einkommenssteuern sind erst um die Jahrhundertwende und vor dem Ersten Weltkrieg in den industrialisierten Ländern in nennenswerter Höhe eingeführt worden. Nach 1945 bis in die 1970er Jahre hinein sorgen hohe Einkommenssteuern dafür, dass die Kapitalrendite – nach Steuern – unter der Wachstumsrate bleibt.

Diese Politik führte zu einer breiten Streuung von Vermögen, zur Bildung einer starken Mittelschicht. Die Ideologie der Ökonomen mit ihren neoliberalen Vorstellungen und wachsende Arbeitslosigkeit haben das Blatt gewendet. Sinkende Einkommensteuern für hohe Vermögen schufen neue Anreize für rasant steigende Einnahmen der Manager und Kapitalanleger. Der Trend ist belegbar, in naher Zukunft erreicht die ungleiche Konzentration des Kapitals in privaten Händen wieder die Dimension von 1913.

 Piketty rät dringend zum Umsteuern, Zitat aus der Schlussbetrachtung, Seite 787:

Die geeignete Lösung wäre eine jährlich erhobene progressive Kapitalsteuer. Das würde dem unbegrenzten Anwachsen der globalen Vermögensungleichheiten Einhalt gebieten, die derzeit in einem Tempo zunehmen, das auf lange Sicht nicht mehr tragbar ist und selbst die glühendsten Vertreter der Idee vom sich selbst regulierenden Markt mit Sorge erfüllen sollte. Derart unverhältnismäßige Vermögensungleichheiten, auch das lässt sich aus der Geschichte lernen, haben mit dem Geist des Unternehmertums nichts mehr zu tun, und sind dem Wachstum alles andere als zuträglich. Sie haben, anders gesagt, keinerlei Gemeinnutzen, um den schönen Begriff aus dem ersten Artikel der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte zu zitieren, mit dem wir dieses Buch eröffnet haben.
Die Schwierigkeit dieser Lösung liegt darin, dass die progressive Kapitalsteuer ein sehr hohes Mass an internationaler Koordination und regionaler politischer Integration erfordert. Sie liegt nicht in Reichweite der Nationalstaaten, in deren Grenzen frühere soziale Kompromisse ausgehandelt wurden.“


Abschließend erlaube ich mir, den eigenen Gedanken zu formulieren, den ich im Buch indirekt bestätigt finde:

Jeglicher Reichtum ist nur möglich, weil eine große Zahl von Menschen zumeist mit kleinen Beträgen Güter und Dienstleitungen kaufen muss, kaufen will, kaufen kann. Wohlstand für die Masse der einfach arbeitenden Menschen schafft die Bedingungen für Reichtum in sozialem Frieden.

Dezember 2014, Bernd Kirchhof

NICHTS IST ERFOLGREICHER ALS DER ERFOLG

Diskurs über Wirtschaftsdemokratie : „Kein Gegensatz zur Marktwirtschaft“

Wer in der Schule lernt, was Demokratie ist (oder sein soll), wird im Arbeitsleben sehr schnell und etwas irritiert lernen, dass die Schule nicht direkt auf das folgende Leben vorbereitet. Wir leben in einer Art Demokratie, bis zum Firmentor, dann herrscht die Hierarchie. Wer nun meint, dass das so nicht weiter geht, weil es nicht gut geht, und dann noch glaubt, dass Demokratie wirklich geeignet ist, die Würde jedes Menschen als unantastbar auch am Arbeitsplatz zu wahren, der findet die Demokratisierung der Wirtschaft wohl gut. Der glaubt dann auch, dass die entscheidenden Mängel der sonst so effektiven kapitalistischen Wirtschaftsform mit dem demokratischen Fortschritt besiegt werden können. Ich glaube das auch, aber wie soll das gehen?

Mit dem Merksatz „Gleiches Recht für Alle“, der die demokratische Gesellschaft kennzeichnet wie kaum ein anderer Grundsatz, lässt sich die Wirtschaft nur sehr bedingt erfolgreich organisieren. Diskurs über Wirtschaftsdemokratie : „Kein Gegensatz zur Marktwirtschaft“ weiterlesen

Wie der Kapitalismus zivilisiert werden sollte

Märkte sind für soziale und ökologische Fragen blind, stellt Dierk Hirschel fest, Chefökonom des Deutschen Gewerkschaftsbundes, aber „wir können die Funktion der Märkte nicht ersetzen.“ Zur Überwindung der gegenwärtigen Wirtschaftskrise stelle sich also nicht die Systemfrage. Die Herausforderung bestehe vielmehr darin, den Kapitalismus zu zivilisieren. Dazu hat Hirschel beim „Science-Day“ der Kooperationsstelle Hochschule und Gewerkschaften Hannover-Hildesheim seine Analyse begründet und „Wege aus der Krise“ (Motto der Veranstaltung) gezeichnet. Im zweiten Vortrag referierte Nico Paech von der Universität Oldenburg über „Nachhaltiges Wirtschaften als Zukunftsaufgabe.“ Wie der Kapitalismus zivilisiert werden sollte weiterlesen

Verteilungspolitik ist Friedenspolitik

Die Drohungen, die über unserem Lebensalltag schweben, sind fast unbegreiflich. Für viele von uns spielt sich die Wirtschaftskrise vorwiegend in den Nachrichten und Kommentaren ab. Wir, die wir kaum Vermögen haben, das sich bei Lehmann und seinen Brüdern in Nichts auflösen kann, verlieren schlimmstenfalls den Arbeitsplatz – aber an diese Sorge sind wir seit den achtziger Jahren gewöhnt. Eben seit sich hier und auf der ganzen Welt die Ideologie durchgesetzt hat, dass nur mit Wachstum der Wirtschaft und vor allem der Gewinne alles gut wird. Kaum einer von denen, die diese Ideologie vertreten, gibt zu, dass genau dieses Denken die Ursache der Krise ist. Verteilungspolitik ist Friedenspolitik weiterlesen

Steinbrück beschwört „Himmels Willen“

Was haben Politiker und Prediger gemeinsam? Sie wollen uns Glauben machen. Manchmal drücken Politiker sogar ganz unwillkürlich aus, wie nahe sie den Predigern stehen. Nehmen wir als Beispiel den deutschen Bundesminister für Finanzen, Per Steinbrück. Er weiß ja, wie Finanzmärkte ticken. Deshalb beteiligt er sich intensiv am Glauben machen, damit die kleinen Sparer, die selbst nicht alles wissen können und darum vieles glauben müssen, keinen Schreck kriegen, wenn sie von der Krise am Finanzmarkt hören oder lesen. Oder wenn sie sehen, dass in London die Kunden einer Bank Schlange stehen, um ihr Geld abzuholen. Steinbrück beschwört „Himmels Willen“ weiterlesen