Ist Ungleichheit der Preis der Freiheit?

Süddeutsche Zeitung, 4.9.2017, Feuilleton, Interview von Andreas Zielcke mit Claus Offe, "einer der namhaftesten Forscher der Marktgesellschaft und ihrer sozialen Folgen, erklärt, warum Armut und Ungleichheit vor allem die Kontrolle über das eigene Leben betreffen. Offe lehrt politische Soziologie an der Hertie School of Governance in Berlin und als Gastprofessor an den Spitzenuniversitäten der USA von Stanford bis Princeton." Am Ende geht es um das Thema Grundeinkommen:

Selbst Mark Zuckerberg plädiert jetzt dafür, die Freiheit von Markteinsteigern sozial abzusichern. Auch nach Fehlversuchen müsse jeder neu starten können. Sein Lösungsvorschlag: ein garantiertes Grundeinkommen.

Damit reiht er sich ein in die Reihe der Befürworter, deren Lager inzwischen quer über alle traditionellen Frontlinien hinweg reicht von Sozialisten über mittelständische Unternehmer und auch Konzernchefs bis hin zu marktliberalen Ökonomen. Bekämpft wird die Idee von Teilen der Gewerkschaften. Mir leuchtet sehr ein, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen ein gewisses Maß an „fate control“ sichert – und sei es nur die Freiheit, zu unwürdigen Arbeits-und Lohnbedingungen Nein zu sagen. Aber das bedingungslose Grundeinkommen ist weder ein Allheilmittel, noch sind seine Finanzierung und seine Anreizwirkungen geklärt.

Was ist neu daran gegenüber der Arbeitslosenversicherung?

Neu ist, dass die Gewährung weder an die Bereitschaft zur Erwerbsbeteiligung noch an eine Bedürftigkeitsprüfung geknüpft ist. Das allein ist ein Riesensprung, weil der Anspruch nicht mehr armenrechtlich begründet wäre und auch nicht arbeitsrechtlich, sondern als Bürgerrecht.

Ist das ein Gerechtigkeits- oder ein Freiheitsgewinn?

Beides. Alle Lösungen der Daseinssicherung, die über den Arbeitsvertrag zu erreichen sind, werden wegen des zunehmenden Mangels an Arbeitsplätzen bei zugleich global steigendem Angebot an Arbeitskräften immer unrealistischer.

An den marktwirtschaftlichen Exzessen, die zu der wachsenden Ungleichheit führen, will diese Idee nicht rütteln, sie will nur einen Boden der Sicherheit einziehen.

„Nur“ ist gut! Der Kapitalismus ist ja darauf gegründet, dass die meisten für ihren Lebensunterhalt ein Lohnarbeitsverhältnis eingehen müssen. Mit dem „Boden“, der diesen Zwang lockert, wäre für die Entfaltungschancen jedes Einzelnen schon viel gewonnen. Für das dynamische Aushandeln von Freiheit würde ein bürgerrechtlicher Anspruch auf ein armutsvermeidendes Einkommen zweifellos helfen. Er verschafft Gegenmacht gegen Abhängigkeit.

 

Veröffentlicht von

Bernd

Jahrgang 1948, verheiratet, keine Kinder; Ehrenämter als Jugend-Fussballtrainer (vor 1975) und Gewerkschafter in der IG Medien und in ver.di, als Präsidiumsmitglied in der Gründungsphase von 2000 bis 2006 in Niedersachsen/Bremen. Rentner seit 2005, zuvor Berufserfahrung als Vollzeit-Betriebsrat im Zeitungsverlag, als Lokalredakteur im selben Verlag, und -vor 1974- als Bühnenmaschinist bei Staatstheater Hannover, Waldarbeiter, Milchauslieferer (morgens von 4 bis 10 Uhr), Minicarfahrer, Autoverkäufer, davor Lehre als Industriekaufmann bei der Hanomag in Hannover, davor Mittlere Reife an der Gerhart-Hauptmann-Schule, während der Schulzeit Kinderarbeit im Kiosk der Mutter (Jahrgang 1927), die alleinerziehend vier Kinder großgezogen hat - mit Hilfe ihrer Mutter (Jahrgang 1898), die in zwei Kriegen traumatisiert worden ist.

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