Aus dem Mittelalter lernen?

Es hat sicherlich Zeiten in der europäischen Geschichte geben, in denen die Lücke zwischen Arm und Reich nicht so groß gewesen ist wie heute. Interessant an dem hier verlinkten  Text über das „goldene“ Mittelalter, eine „zinsfreie Zeit zwischen dem 12 und 15. Jahrhundert“, sind manche Schilderungen über den Lebensstandard und die Wohlstandsverteilung. Aber die einleitende Darstellung glaube ich einfach nicht: „Ganze 300 Jahre lebten die Menschen ohne Geldsorgen und Arbeitsdruck.“
Auch zu der Zeit gab es meines Wissens böse Herrscher und schreckliche Kriege auf der Welt: Kreuzzüge endeten im 13. Jahrhundert, blutige Kämpfe um Macht und Einfluss der Päpste sowie zwischen England und Frankreich bestimmten das 14. Jahrhundert und die Propyläen Weltgeschichte verzeichnet im 15. Jahrhundert zahllose Kriege vom „Hussitenkrieg“ bis zum „Schwabenkrieg“, ganz zu schweigen von dem Beginn der Kolonialisierung durch die portugiesischen und spanischen Weltreisenden.
Und die These, dass der Bau riesiger Gotteshäuser Beweis für die frohe Lebensgestaltung einfacher Menschen sei, nehme ich eher skeptisch zur Kenntnis.
Wie auch immer: Vermutlich ist die Schlussfolgerung naheliegend und glaubwürdig, dass im 16. Jahrhundert die Entwicklung zu Reichtum in der Hand kleiner Eliten solche kulturell extrem verrohenden Folgen gehabt hat wie die Verfolgung von „Hexen“ und die Ausbrüche von Kriegen in Zeiten wirtschaftlicher Not.
Aus der Geschichte lernen heisst für mich aber vor allem, den Blick auf komplexe Zusammenhänge zu schärfen. Das scheinen mir die Autoren des Textes mit dem überschwänglichen Lob für die Zeit vor der Herrschaft der Zinskaufleute nicht voll überzeugend versucht zu haben. Skeptisch bin ich, weil sie den Blick auf die aktuelle Weltlage eng gefasst haben, mit dem bedauerlich weit verbreiteten Ansatz, einzelne kritische Punkte zur Bewertung des Ganzen zu nehmen.
Die Meinung über die heutige Lage der Wirtschaft und der Finanzwelt ist – leider – nicht mit kulturellen Fortschritten seit dem Aufblühen des Kapitalismus in Einklang zu bringen. Es gibt sie nämlich wirklich, die Vorteile aus der industriellen Entwicklung spätestens seit dem 2. Weltkrieg in Europa und auch die Vorteile der Globalisierung für die Weltbevölkerung – eben nicht nur für die Reichen.
Der Blick auf gestiegene Lebenserwartung und nachweisbare Wohlstandsmerkmale in Gesundheitsversorgung, Bildung, Mobilität, Freiheit der persönlichen Entfaltung kann im Vergleich zu beliebigen Epochen der vergangenen Jahrhundert zeigen, dass eine kulturelle Stufe der Menschheitsentwicklung erreicht ist, für die es Gründe gibt, und zwar andere als in dem oben verlinkten Text sozusagen als Lagebericht dargestellte. Ich vermute die Gründe eher in einer wirtschaftlichen Entwicklung, die von politischen Kräften gesteuert worden ist, die sich ernsthaft für das Ziel eingesetzt haben, allen Menschen einen – verkürzt gesagt – würdevollen Lebensstandard zu ermöglichen. Und dass nicht etwa „nur“ aus humanistischen Motiven, sondern in der Überzeugung, dass wachsender Wohlstand für Alle auch wachsende Chancen für Eliten mit sich bringt. Diese Zielbestimmung kippte Ende des vorigen Jahrhunderts um in die neoliberale Maxime, salopp zugespitzt: „Was den Eliten dient, kommt irgendwann auch bei den Massen an.“ Falsch gedacht, jetzt haben wir das Problem. Katastrophale Zusammenbrüche der Wirtschaft und Finanzwelt sind weiterhin ernsthaft zu befürchten, Priorität für Friedenspolitik tritt in den Hintergrund, Machtpolitik bestimmt den Mainstream.
Davon ausgehend ist die aktuelle Kulturkritik angemessen, mit Besorgnis vor Kriegsgefahren. Die notwendige Umsteuerung muss aus meiner Sicht bewirkt werden mit der fortschreitenden Demokratisierung der Gesellschaft einschließlich der Wirtschaft.
Zu diesem Ziel möchte ich mit zivilisierten Mitteln beitragen:
* geduldig und ohne böse Sprache sondern mit respektvollem Diskurs
* mit Raum für das andere Denken, die andere Meinung
* mit dem Mut in der Gemeinschaft Gedanken frei zu entwickeln.

In diesem Sinne möge der Einsatz für das garantierte Grundeinkommen gelingen.

Bernd Kirchhof

Veröffentlicht von

Bernd

Jahrgang 1948, verheiratet, keine Kinder; Ehrenämter als Jugend-Fussballtrainer (vor 1975) und Gewerkschafter in der IG Medien und in ver.di, als Präsidiumsmitglied in der Gründungsphase von 2000 bis 2006 in Niedersachsen/Bremen. Rentner seit 2005, zuvor Berufserfahrung als Vollzeit-Betriebsrat im Zeitungsverlag, als Lokalredakteur im selben Verlag, und -vor 1974- als Bühnenmaschinist bei Staatstheater Hannover, Waldarbeiter, Milchauslieferer (morgens von 4 bis 10 Uhr), Minicarfahrer, Autoverkäufer, davor Lehre als Industriekaufmann bei der Hanomag in Hannover, davor Mittlere Reife an der Gerhart-Hauptmann-Schule, während der Schulzeit Kinderarbeit im Kiosk der Mutter (Jahrgang 1927), die alleinerziehend vier Kinder großgezogen hat - mit Hilfe ihrer Mutter (Jahrgang 1898), die in zwei Kriegen traumatisiert worden ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.