KOPERNIKANISCHE ZEITENWENDE

Alles ist offen, nur das Eine nicht

BGE:Open ist der Name einer Reihe von Veranstaltungen, die die Partei Bündnis Grundeinkommen – BGE – gemeinsam mit Unterstützergruppen ausrichtet, voran dem Netzwerk Grundeinkommen. Fast alles ist ziemlich offen, der zeitliche Beginn und das Ende, die Reihenfolge der Experten (lauter Männer am Sonnabend und Sonntag), nur das Eine nicht: Alle wollen das Grundeinkommen und suchen den passenden Weg dahin. In Göttingen haben bis zu 100 Leute in der Freien Waldorfschule die Gelegenheit genutzt, einander persönlich und die Meinung der Anderen kennenzulernen; jedenfalls als Götz Werner seine Meinung dazu sagte, vorher und nachher schrumpfte die Teilnehmerzahl ungefähr auf die Hälfte. Der Buchautor und „Zahnpastaverkäufer“, wie er selbst gelegentlich seine frühere Rolle als außerordentlich erfolgreicher Gründer der Drogeriekette DM bezeichnet, ist seit mehr als einem Jahrzehnt hierzulande der prominenteste Befürworter der Umsteuerung der Wirtschaft – denn das steckt eigentlich hinter der Einführung des Grundeinkommens. Werner weiss das und verweist alle, die nach der Finanzierung fragen, auf ausgeklügelte Konzepte für eine völlig veränderte Steuerpolitik. Und auf sein besonders wichtiges Anliegen, dass auch nur mit dem alles verändernden Grundeinkommen möglich ist: Jede Person soll ihre eigene Persönlichkeit ohne existenzielle Not entfalten können, niemand darf aus Not gezwungen sein, Erwerbsarbeit anzunehmen, die er oder sie gar nicht haben will.
Werners warme Worte sind zweifellos geeignet, alle diejenigen, die Sympathie für den Gedanken an das bedingungslose Grundeinkommen hegen, vom Sinn der Sache vollends zu überzeugen. Dabei gelingt ihm die Vereinigung von Idee und Verhalten, wenn er ziemlich früh im Vortrag aus seinen Erkenntnissen als Unternehmer vor allem diese bezogen auf die Führung von Gruppen zitiert: Druck nutzt gar nichts, nur der Sog hilft. Und so redet er auch, mit sehr behutsamem Sprechtempo, er saugt sozusagen das Interesse der Zuhörer auf und lässt ihnen Zeit zum Saugen der Gedanken, lässt viele Sätze in der Luft schweben, fast also wolle er vom gebannten Publikum das Stichwort für den Abschluss des Gedankens hören. Manchmal klappt das gut, und die Stichwortgeber erhalten das freundliche Lob des weisen Herrn Werner, „Genau!“
Viele seiner Sätze stehen auch ganz selbständig als Denkanstöße im Raum, zum Beispiel der Kernsatz, den die Vorsitzende der Partei BGE, Susanne Wiest, in ihrer Begrüßungsrede zitiert hat. Götz Werner habe ihr einmal in einem Gespräch so etwas wie eine Formel für den Weg zum Erfolg gesagt: Beharrlich im Bemühen und bescheiden in der Erfolgserwartung. Muss man glauben können, der Mann versteht was vom Erfolghaben.
Das „Sein“ im Verhältnis zum „Haben“ spielt ja nicht nur in Waldorfschulen eine wesentliche Rolle im Selbstverständnis der Menschen. Auch Werner hat dazu Meinungen, die manche Zuhörer zuweilen verblüffen, vielleicht sogar verstören. Zu Beginn sagt er: „Jeder Mensch ist auf der Erde um sich entwickeln zu wollen“, und am Ende wird er philosophisch noch anspruchsvoller: „Entwicklung ist ein diskontinuierlicher Prozess , der irreversibel in der Zeit verläuft.“ Dazwischen lässt er Leute, die sich ständig unter Druck fühlen, aufhorchen mit dem Satz: „Das Wort Stress ist eine mephistophelische Blendgranate.“ Dann wieder will er den Menschen „Mut zusprechen zur Selbstwirksamkeit“, und sie sollen dem Bibelwort folgen, also „werden wie die Kindlein“, vor allem „vorurteilsfrei“.
Noch so ein Merksatz, der nicht nur in der Wirtschaft und Politik den Nerv vieler persönlicher Erfahrungen spiegelt: „Wer will findet Wege, wer nicht will findet Gründe.“ Aber Werner warnt nachdrücklich, es sei „fürchterlich, wenn die Ideologien herrschen, so ist das auch mit dem Kapitalismus.“ Dazu fällt ihm ein Wort von Václav Havel ein, dem Schriftsteller, der erster Präsident in der postkommunistischen Tschechoslowakei geworden ist. Der meinte auf die Frage, warum sich der Kommunismus solange mit der Zustimmung weiter Kreise der Bevölkerung gehalten hat: „…weil er auf alles eine Antwort hat.“ Werner hat auch auf alle Fragen Antworten, manche offenkundig aus tiefer Überzeugung, manche wohl mit dem Hintergedanken, es könne mehr als eine Meinung zum Thema geben.
Vielleicht steckt das hinter der Antwort auf die Frage, wie er zur Einkommensobergrenze stehe, die Fragende nannte „etwa zehn Millionen“. Werner antwortet mit der Gegenfrage, „was soll das bringen?“, und breitet seine Haltung zum Geld aus. Es gebe drei Möglichkeiten im Umgang mit Geld, ersten könne es konsumiert werden, zweitens gespart und drittens verschenkt, „dann lösen sich alle Leistungen in Einkommen auf.“ Zum Stichwort Sparen empfiehlt er allen Ernstes augenzwinkernd die Lektüre von Micky Maus, mit Blick ins Publikum, dessen Altersschnitt der 73Jährige nicht auffallend angehoben hat, „wir sind doch alle mit den Heften aufgewachsen, ich hatte auch Stapel davon zuhause.“ Und daraus war zu lernen, dass der reiche Onkel Dagobert unglücklich und „der dumme Onkel Donald eigentlich der Glücklichste war.“
Grundsätzlich hält es Werner für einen „Denkfehler, das Geld als Wert an sich zu denken.“ Und ebenso grundsätzlich gibt Werner den Tipp: „Wer die Welt verändern will, muss die Begriffe verändern.“ Konkret zum Thema Grundeinkommen meint er, es gebe noch viele „ergebnisoffene Forschungsfragen,“ dazu empfiehlt er allen Forschern:  „Sie müssen mit der Idee auf die Realität schauen, dann haben Sie gewonnen.“ Und dann noch der Satz für die Geschichtsbücher: Das bedingungslose Grundeinkommen ist nichts weniger als die „kopernikanische Zeitenwende für unser soziales Bewusstsein.“

Veröffentlicht von

Bernd

Jahrgang 1948, verheiratet, keine Kinder; Ehrenämter als Jugend-Fussballtrainer (vor 1975) und Gewerkschafter in der IG Medien und in ver.di, als Präsidiumsmitglied in der Gründungsphase von 2000 bis 2006 in Niedersachsen/Bremen. Rentner seit 2005, zuvor Berufserfahrung als Vollzeit-Betriebsrat im Zeitungsverlag, als Lokalredakteur im selben Verlag, und -vor 1974- als Bühnenmaschinist bei Staatstheater Hannover, Waldarbeiter, Milchauslieferer (morgens von 4 bis 10 Uhr), Minicarfahrer, Autoverkäufer, davor Lehre als Industriekaufmann bei der Hanomag in Hannover, davor Mittlere Reife an der Gerhart-Hauptmann-Schule, während der Schulzeit Kinderarbeit im Kiosk der Mutter (Jahrgang 1927), die alleinerziehend vier Kinder großgezogen hat - mit Hilfe ihrer Mutter (Jahrgang 1898), die in zwei Kriegen traumatisiert worden ist.

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