NICHTS IST ERFOLGREICHER ALS DER ERFOLG

Diskurs über Wirtschaftsdemokratie : „Kein Gegensatz zur Marktwirtschaft“

Wer in der Schule lernt, was Demokratie ist (oder sein soll), wird im Arbeitsleben sehr schnell und etwas irritiert lernen, dass die Schule nicht direkt auf das folgende Leben vorbereitet. Wir leben in einer Art Demokratie, bis zum Firmentor, dann herrscht die Hierarchie. Wer nun meint, dass das so nicht weiter geht, weil es nicht gut geht, und dann noch glaubt, dass Demokratie wirklich geeignet ist, die Würde jedes Menschen als unantastbar auch am Arbeitsplatz zu wahren, der findet die Demokratisierung der Wirtschaft wohl gut. Der glaubt dann auch, dass die entscheidenden Mängel der sonst so effektiven kapitalistischen Wirtschaftsform mit dem demokratischen Fortschritt besiegt werden können. Ich glaube das auch, aber wie soll das gehen?

Mit dem Merksatz „Gleiches Recht für Alle“, der die demokratische Gesellschaft kennzeichnet wie kaum ein anderer Grundsatz, lässt sich die Wirtschaft nur sehr bedingt erfolgreich organisieren. Chefs brauchen zwar nicht unbedingt größere Klos als Buchhalter, aber schon größere Büros, in denen sich auch mal kleine Konferenzen halten lassen.  Das akzeptiere ich so, wie ich auch bereit bin zu akzeptieren, dass es Chefs geben soll. Das mag mein Mangel an Phantasie für andere Organisationsformen sein, aber ich kenne nun mal keine Gruppe, die sich einem Ziel widmet, sei es im Sport oder beim Wandern, in Familie oder Firma, in Gewerkschaft oder Politik, die ohne hierarchische Struktur mehr Erfolg haben kann als mit klarer Ordnung. Ich will nur dazu beitragen, dass diese Ordnung zum Nutzen aller besteht und nicht willkürlich gegen einzelne gewendet wird. Übrigens glaube ich außerdem, dass der Erfolg größer ist, wenn niemand in seiner Eigenart unterdrückt wird.

Es dürfte in diesem Zusammenhang unbestritten sein, dass die gesetzlich verankerte Mitbestimmung durch Betriebs- und Personalräte ein wesentliches Element der Demokratisierung der Wirtschaft ist. Jetzt lasse ich mal alle Aspekte beiseite, die dieses Element im Alltag begrenzen (und die mir aus meiner Arbeit als Vollzeit-Betriebsrat in einem Medienunternehmen sehr genau bekannt sind.) Das Projekt „Wirtschaftsdemokratie“ besteht gewiss aus vielen Teilen, zu denen auch der Schutz individueller und kollektiver Rechte am Arbeitsplatz gehört. Aber die Akteure der Mitbestimmung finden Bedingungen vor, die im demokratischen Ganzen eben nur einen Ausschnitt bilden.

Das hat Detlef Hensche sehr gut beschrieben, der ehemalige Vorsitzende der Industriegewerkschaft Medien, die 2001 in der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di aufgegangen ist – traditionsbewusste Medienleute sagen auch : „untergegangen“, aber das ist ein ganz anderes Thema. Detlef hat im Forum Gewerkschaften in der Zeitschrift Sozialismus (1/2011, http://www.sozialismus.de) in seinem Plädoyer für die Demokratisierung der Wirtschaft eine brillante Analyse der betrieblichen Mitbestimmung veröffentlicht und stellt fest:

Es wäre illusorisch und im Übrigen unredlich, die Mitbestimmung im Betrieb und Unternehmen mit der Durchsetzung von volkswirtschaftlicher Rationalität zu befrachten.

Gut, die Demokratisierung der Wirtschaft  wollen wir sowieso nicht als Projekt verstanden wissen, in dem der Fokus allein darauf gerichtet wird, die Rechte einzelner Personen analog zur Demokratisierung der Gesamtgesellschaft zu garantieren. Sicher, es wäre viel gewonnen, wenn die Menschen an ihren Arbeitsplätzen befreit wären vom Druck,  den sie angesichts alltäglicher Willkür spüren. Willkür, die üblicherweise in  den Hierarchiestufen gespeist ist aus dem antizipierten Auftrag, Menschen in ihrem Nutzen als Wertschöpfer anzusehen und nicht als Wesen mit Würde und Recht auf Eigenwilligkeit. Es mag noch andere Gründe geben, warum Hierarchien oft so unerträglich streng die Entfaltung von Persönlichkeiten eingrenzen. Nur wenn alle Rechte aus der betrieblichen Mitbestimmung von kraftvollen Gremien eingefordert werden könnten, liesse sich der betriebliche Alltag so gestalten, dass ein Mindestmass an würdevollem Dasein am Arbeitsplatz möglich wird. Aber es gibt sowieso nicht überall Betriebs- und Personalräte, und auch nur selten wirklich kraftvolle…

Detlef meint allerdings nicht so sehr die individuelle Befindlichkeit sondern den Konflikt,  in dem betriebliche Mitbestimmung im gesellschaftlichen Zusammenhang steht. Im Zweifel entscheiden sich doch Betriebsräte und Belegschaften genauso wie ganze Branchen und die darin wirkenden Gewerkschaften für die nahe liegenden eigenen Interessen. Also für Erhalt oder Erweiterung der Zahl der Arbeitsplätze, der Arbeitsbedingungen, der eigenen sozialen Sicherung. Gesellschaftliche Interessen etwa im Schutz der Umwelt oder für die gerechte Verteilung des Wohlstandes auf alle Bevölkerungsgruppen, gar weltweit, treten in solchen Konfliktlinien in Branchen und Betrieben naturgemäß in den Hintergrund. Weil das so ist, sieht Detlef eine Lösung darin, die Dachorganisation der Gewerkschaften, den DGB, mit erheblich veränderter Kompetenz auszustatten:

Der gewerkschaftliche Beitrag zu einer demokratisierten Wirtschaft muss nicht nur die zwischenbetriebliche Konkurrenz überwinden helfen, sondern auch der Indienstnahme gesellschaftlicher und staatlicher Ressourcen z.B. für die Exportindustrie entgegentreten. Spätestens diese Aufgabe stellt Anforderungen an die gewerkschaftliche Verallgemeinerungsfähigkeit, die den Horizont der Einzelgewerkschaften übersteigt. Dazu braucht es erst recht einen handlungsfähigen, mit eigener Autorität ausgestatteten DGB.

Schöne Schlussfolgerung am Ende seines Beitrages, sie steht konsequent in Detlefs eigener Logik. Jetzt mal abgesehen davon, dass wir die deutschen Gewerkschaften nicht so kennen, als würden sie diese Debatte gern führen: Ein  anderer Weg führt aus meiner Sicht sowieso zu einem besseren Ergebnis. Detlef hat das Thema erwähnt:

Soweit es um optimale Versorgung der Bevölkerung, also um die Herstellung und Verteilung öffentlicher Güter und Leistungen geht, kann dies nicht nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage, Kaufkraft und Rendite geschehen.

Sehr richtig. Und weiter:

Als Merkposten sei hinzugefügt: Initiativen gegen Privatisierung und Rekommunalisierungskampagnen erfordern Klarheit sowohl über den Auftrag als auch über die organisatorische, finanzielle und demokratische Verantwortung öffentlicher Betriebe und Einrichtungen. Allein Eigentumstitel und Gesellschaftsanteile in öffentlicher Hand bewirken nicht im Selbstlauf öffentliche Verantwortung und Steuerung.

Damit stellt Detlef fest, was Franziska Wiethold (DGB-Debattenmagazin Gegenblende, Ausgabe 09: Mai/Juni 2011, Gedanken zur Wirtschaftsdemokratie – gegen den Strich gebürstet,  http://www.gegenblende.de) in Fragen zuspitzt, unter anderen:

Wer definiert, was gesellschaftliche Interessen sind ?
Welche Verselbstständigungstendenzen können auch demokratische Organisationen entwickeln ?
Wie verhalten sich individuelle Freiheiten und demokratische, kollektive Steuerung zueinander ?

Während also Detlef einen klaren Kompass hat und dem Ziel – DGB – zusteuert, wirft Franziska Grundsatzfragen auf, die sie übrigens gut begründet. Sie zweifelt nicht nur philosophierend vor sich hin, sie  zieht aus geschichtlicher Erfahrung klare Schlüsse:

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Antwort für die Arbeiterbewegung einfach: da der Kapitalismus vom Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit geprägt ist, nehmen die abhängig Beschäftigten als Produzenten gesellschaftlichen Reichtums mit ihren Interessen auch gesamtgesellschaftliche Interessen wahr.
Diese Gleichsetzung der gesellschaftlichen Interessen mit denen der abhängig Beschäftigten ist brüchig geworden.
Wir wissen inzwischen, dass sich das Destruktionspotential des Kapitalismus weit über die Arbeitswelt hinaus auf den gesamten Umgang mit menschlichen und natürlichen Ressourcen erstreckt.
Wir wissen, dass abhängig Beschäftigte, die aufgrund ihrer produktiven Funktion eher Gegenmacht bilden und Absicherungen erkämpfen können als andere, sich auch gegen „Andere“ abschotten (ob Arbeitslose oder prekär Beschäftigte) und ihre ureigenen Privilegien verteidigen (siehe den langjährigen Umgang mit Frauenentlohnung). Wir wissen auch, dass z. B. Konsumenteninteressen in Konflikt zu den Interessen abhängig Beschäftigter geraten können.
Wirtschaftsdemokratie muss verschiedene Logiken – unterschiedliche Interessen und Sichtweisen einerseits, betriebliche Autonomie, Marktprozesse und gesellschaftliche Ressourcenplanung andererseits –miteinander verknüpfen. Ein einheitliches Steuerungssystem und ein hierarchischer Aufbau wirtschaftsdemokratischer
Gremien kann das nicht leisten. Deshalb sind Mischsysteme notwendig.

Um aber der Gefahr der Beliebigkeit zu entgehen, müsste daran gearbeitet werden, welche Elemente in welchen Bereichen eingesetzt und wie miteinander verbunden werden sollen: wo machen z. B. Genossenschaften einen Sinn? Welche Branchen bedürfen eines stärkeren Wettbewerbs, weil Konsumentenmacht auch gesellschaftliche Interessen vertritt? Wo können gesellschaftliche Interessen durch Rahmenvorgaben, wo müssen sie durch unmittelbare Steuerung durchgesetzt werden? Vor allem: wie muss ein Prozess gestaltet werden, der Professionalität mit breiter Beteiligung, mit individuellen Spielräumen und Offenheit gegenüber Neuem verbindet, der Such-, Lern- und Korrekturprozesse möglich macht?

Traditionelle Konzepte, die häufig noch auf dem fordistischen Großbetrieb und auf geschlossenen Milieus beruhen, werden dabei wenig verfangen. Nach dem Aufbrechen der traditionellen Milieus, der traditionellen Trennung zwischen Arbeits- und Privatbereich und den erheblichen Veränderungen in der Arbeitswelt muss auch an Bedürfnisse nach mehr Autonomie, nach mehr Entwicklungsmöglichkeiten, nach Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatbereich angesetzt werden.

Als Ausgangspunkt muss die Vielfalt akzeptiert werden. Daraus kann nur etwas Gemeinsames entwickelt werden, wenn das Lagerdenken – das Verabsolutieren des eigenen Interesses zum Allgemeininteresse – überwunden wird. Dafür braucht man die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, zur Anwendung universeller Gerechtigkeitswerte auch auf Menschen in anderen Lebenslagen.

Mit der Öffnung von Milieus scheint die Chance dafür zumindest nicht gesunken, eventuell sogar gestiegen zu sein. Umfragen zeigen, dass auch davon nicht betroffene Bevölkerungsgruppen z. B. Niedriglöhne, Kinderarmut usw. als Verletzung der Chancengleichheit empfinden und deshalb eine Einschränkung wirtschaftlicher Macht fordern. Damit werden noch nicht sofort tiefer gehende Einschnitte in wirtschaftliche Macht akzeptiert. Aber es eröffnet die Chance, erste Schritte zu erproben und weitergehende zu diskutieren, wenn wir dabei die Probleme, die Viele mit bisherigen staatlich/gesellschaftlichen Eingriffen in wirtschaftliche Macht (haben,) ernst nehmen (z.B. Bürokratie, Ineffizienz, Vetternwirtschaft) und aufgreifen.

Der Beitrag von Richard Detje, Helmut Martens, Horst Schmitthenner (Sozialismus 11/2011: „Wirtschaftsdemokratie, Ansätze zur Überwindung der System- und Demokratiekrise des Kapitalismus“) ist außerordentlich hilfreich als ergänzende Analyse zum Text von Detlef Hensche. Für etablierte politische Kräfte – Gewerkschaften, Parteien – dient dieser Beitrag möglicherweise sogar dazu, innerhalb des Systems neue Handlungsoptionen zu finden. Dagegen bevorzuge ich den Ansatz von Franziska Wiethold, die erst mal grundlegende Fragen stellt, die uns gemeinsam helfen können, auf der Suche nach überzeugenden Antworten fündig zu werden. Der Unterschied wird für mich an einem Zitat deutlich, das auf den ersten Blick unwiderstehliche Erkenntnisse enthält. Am Ende des Detje,Martens,Schmitthenner-Beitrags heißt es:

Der wirtschaftsdemokratische Ansatz macht … zweierlei deutlich:
Entscheidend ist erstens die Fähigkeit der Steuerung der wirtschaftlichen Entwicklung. Öffentliches Eigentum ist dort erforderlich, wo privates Eigentum gesellschaftliche Steuerung nicht zulässt  und Märkte zu sozial und ökologisch nicht akzeptablen Ergebnissen führen. Wirtschaftsdemokratie als Ansatz ökonomischer Steuerung baut insofern auf  einer Pluralität von Eigentumsformen, einer gemischten Wirtschaft, und regulatorisch starken Institutionen gesamtwirtschaftlicher und regionaler Steuerung auf.
Entscheidend ist zweitens die Revitalisierung der demokratischen Frage in Wirtschaft und Gesellschaft. Das Grundprinzip der Wirtschaftsdemokratie „liegt in der Demokratisierung aller Ebenen des wirtschaftlichen Handelns…; das Konzept verzahnt Betrieb, Branche, Region und gesamtwirtschaftliche Steuerung. So sollen die Widersprüche zwischen einzel- und gesamtwirtschaftlicher Logik produktiv bearbeitet werden“ (Hirschel/Schulten 2010:77).

Die Fähigkeit zur Steuerung hat die Politik weltweit durchaus bewiesen, zuletzt in der Bundesrepublik Deutschland mit der radikalen und überraschenden Wende weg von der Energieversorgung durch Atomstrom hin zu erneuerbaren Energien. Zugleich versagt die Politik, wenn die höchst gefährlichen, für uns einfachen Einwohner ebenfalls existentiell bedrohlichen Entwicklungen auf den Finanzmärkten betrachtet werden. Im einen Fall (Atom) gibt eine zuvor für machthabende politische Kräfte unvorstellbare Katastrophe Anlass zur Umsteuerung, im anderen Fall fehlt wohl noch die Phantasie, die Marktzusammenbrüche  ernst zu nehmen und umzusteuern. Den einen zeigt es die Unfähigkeit der Politik, den anderen die Unzulänglichkeit, dritten das Einknicken vor noch mehr wirtschaftlicher Macht der Banken. Auf jeden Fall gibt es fatale Grenzen der Steuerung. Die drei Autoren gehen wenig auf diese Grenzen ein, vielmehr setzen sie offenkundig voraus, dass sehr weitgehende gesamtwirtschaftliche Steuerung möglich ist und damit die Lösung des Problems nahe rückt. Das sehe ich viel skeptischer.

Weite Bereiche der Wirtschaft kann ich mir sehr wohl vorstellen als vom Wettbewerb geprägt und dessen Regeln unterworfen, also im engen Sinne „ungesteuert“. Nur: Selbst auf diesen Feldern darf eben Arbeitskraft nicht schutzlos den Profitinteressen unterworfen sein, weil Menschen Wesen mit Würde sind und nicht zuerst Produktionsfaktoren. Dass die Wirtschaftswissenschaft darüber hinweggegangen ist, mag viele Gründe haben, die vielleicht nachvollziehen kann, wer sich in diesem Metier auskennt. Dass aber die Wirtschaftswissenschaft nach meinem laienhaften Kenntnisstand bis heute von einem idealistischen Bild der Marktteilnehmer ausgeht (: immer gut informiert und rational entscheidend – dann funktioniert Alles zum Wohle Aller) finde ich grauenhaft einfältig. Menschen sind noch nie so einfach zu erklären gewesen, ihre Entscheidungswege schon gar nicht, also kann doch nur ein Vollblinder solche Prämissen für funktionierende Märkte setzen.

Andererseits beweist die unbestreitbare Erfolgsgeschichte des Kapitalismus die Sinnhaftigkeit der Annahme, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. In diesen Zusammenhang passt ganz gut der Beitrag von Hartmut Meine und Uwe Stoffregen (Sozialismus 7-8/2010), der zu wesentlichen Teilen der Eigentumsfrage gewidmet ist:

In der Debatte über Wirtschaftsdemokratie  wird es auch darum gehen, zu prüfen, ob durch eine sinnvolle Kombination von privatem und öffentlichem (bzw. staatlichem) Eigentum Strukturen geschaffen werden, die nicht allein finanzmarktgetrieben sind, sondern eher eine nachhaltige, langfristig angelegte Unternehmenspolitik ermöglichen.

Ja, gern. Die beiden Autoren sehen gute Beispiele in VW und Salzgitter AG. Das mag ausbaufähig sein. Mir greift der Ansatz nicht weit genug. Da teile ich die Kritik von Rolf Gehring (Politische Berichte – Zeitschrift für linke Politik, Mai 2011), der sich nicht nur mit der thematisierten Eigentumsfrage sondern sehr gründlich mit dem gesamten Ansatz von Meine und Stoffregen auseinandersetzt :

Wer füllt das Konzept „sozial/ökologisch/demokratisch“ aus? Der Staat? Die Wissenschaft? Die Leitung? Die geläuterte Partei? Ein fürsorglicher Gewerkschaftsapparat? Sich einfach auf die Konkretisierungen und die einzelnen möglichen Gegenstände einzulassen, wäre der eigentliche Startpunkt einer erneuten Debatte um Wirtschaftsdemokratie – und die Gewerkschaften hätten aufgrund ihrer äußerst heterogenen Mitgliedschaft und der versammelten Kenntnisse die Möglichkeit, Debatten zu Konzepten zu verdichten.

Ich hätt´s auch gern etwas gründlicher und radikaler. Dazu gefällt mir  Fritz Vilmar (Global Labour Institute, „Wirtschaftsdemokratie – Zielbegriff einer alternativen Wirtschaftspolitik“):

Wirtschaftsdemokratie ist der Inbegriff aller ökonomischen Strukturen und Verfahren, durch die an die Stelle autokratischer Entscheidungen demokratische treten, die durch die Partizipation der ökonomisch Betroffenen und/oder des demokratischen Staates legitimiert sind.
Wirtschaftsdemokratische Strukturen und Verfahren in diesem Sinn haben Lösungen zu finden für die drei wesentlichen Inhumanitäten der vorhandenen Ökonomie,[10]
– Existenzunsicherheit
– Psycho-physisches Arbeitsleid – und
– Fremdbestimmung,
und zwar auf der Makroebene der Volks- bzw Europawirtschaft, auf der Mesoebene der Unternehmensleitungen und auf der Mikroebene des einzelnen Betriebes und des Arbeitsplatzes.

Wirtschaftsdemokratie ist kein Gegenkonzept zur Marktwirtschaft. Sie hebt vielmehr die Errungenschaften der Marktwirtschaft in sich auf, wie eine moderne Stadtplanung und –architektur die Ästhetik alter Stadtkerne in sich bewahrt, ohne deren erstickende Enge und Beschränkung durch Festungsmauern beizubehalten. Warum sollte für die Wirtschaftsgestaltung nicht endlich anerkannt werden, was für den Städtebau längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist: Integration der ”guten” alten in eine erweiterte, funktionstüchtigere, also bessere neue Stadtstruktur?

Wirtschaftsdemokratie, das heißt: primär gemeinwohl- statt profitorientierter Gestaltung der Wirtschaft, beinhaltet ein sozialstaatliches Transformationskonzept, das die Aufhebung der strukturellen kapitalistischen Instabilität, Disfunktionalitäten, Inhumanitäten und Oligarchien nicht verwirklichen zu können glaubt durch einige ”totale” revolutionäre Eingriffe (Totalsozialisierung; Totalplanung), sondern durch einen Prozeß begrenzter, differenzierter Umgestaltung nach dem Prinzip der ”mixed economy” – Erhaltung (sogar Wiederherstellung!) funktionsfähiger marktwirtschaftlicher Dispositionsräume – aber Ergänzung, Veränderung, Ersetzung und gemeinwohlorientierte Steuerung von marktwirtschaftlichen Systemelementen durch die oben schon genannten Strategien und Systemelemente einer volkswirtschaftlichen Rahmenplanung und Investitionslenkung einschließlich planvoller Arbeitsmarktpolitik, demokratische Kontrolle unternehmerischer Macht (besonders der multinationalen Konzerne) und Mitbestimmung der Beschäftigten auf den Entscheidungsebenen des Betriebs und des Unternehmens.

Die Lektüre des Vilmar-Textes weckt bei mir einerseits Ehrfurcht vor den konzeptionellen Leistungen, die dort zitiert werden (und in der Diskussion um Arbeitszeitverkürzung ist der Text eine wahre Fundgrube für eigene Argumentationslinien). Andererseits fühle ich mich bestätigt in meinem unwissenschaftlichen Ansatz:

Am Ende soll doch stehen, dass alle Menschen, die mit Kopf – oder Handarbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen (und müssen), beruflich ebenso wie privat zur vollen Entfaltung ihrer Persönlichkeit in der Lage sein können. Darüber hinaus soll stehen, dass auch die Menschen ohne Not ihr Leben in Würde gestalten können, die – frei entschieden oder auch nicht – am wirtschaftlichen Treiben nicht teilhaben.

Wirtschaftsdemokratie greift also nach meinem Verständnis weit über das hinaus, was heute unter dem Begriff „Wirtschaft“ verstanden wird. Deshalb plädiere ich auch dafür, Wirtschaft zu teilen in Bereiche, die unverändert dem Diktat von Konkurrenz und Profit unterliegen dürfen, und solchen gesellschaftlichen Bereichen, die diesem Diktat auf der Grundlage eines gesellschaftlichen Konsenses entzogen werden – weil´s überzeugend vernünftig ist!

Die Demokratisierung der Wirtschaft ist demnach ein Prozess, der zuerst Produktionen und vor allem Dienstleistungen erfassen soll, die dem „Gemeinwohl“ dienen. Eine gesellschaftliche Debatte über „das Gemeinwohl“ muss dem voraus gehen. Kandidaten sind natürlich Gesundheit, Bildung, Versorgung, soziale Dienste, Verkehr, Medien.
Es wäre sehr verdienstvoll, einen gesellschaftlichen Konsens anzustreben, um auf einem dieser am Gemeinwohl orientierten Arbeitsfelder zu beginnen, aus meiner Sicht am Liebsten mit der Gesundheit/Pflege. Hier liesse sich die Sinnlosigkeit marktwirtschaftlicher Grundsätze besonders einleuchtend thematisieren.
Trotzdem schlage ich Bildung als Startfeld für demokratisiertes Wirtschaften vor. Das wird schwierig genug, weil wir den Bildungsbegriff dann ebenfalls definieren müssen (Abkehr von Orientierung allein auf Tauglichkeit für die Berufswelt). Aber egal, wo es losgeht, wichtig ist, dass der Prozess allgemein überzeugend gestaltbar ist.

Nicht nur der Blick auf die Wirtschaft lehrt, dass diese Gesellschaft – wie vermutlich alle anderen auch – einem Gesetz gehorcht, das wir weder leugnen noch zu unseren Gunsten irgendwie umdeuten können. Es folgt der Natur:

Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg.

Veröffentlicht von

Bernd

Jahrgang 1948, verheiratet, keine Kinder; Ehrenämter als Jugend-Fussballtrainer (vor 1975) und Gewerkschafter in der IG Medien und in ver.di, als Präsidiumsmitglied in der Gründungsphase von 2000 bis 2006 in Niedersachsen/Bremen. Rentner seit 2005, zuvor Berufserfahrung als Vollzeit-Betriebsrat im Zeitungsverlag, als Lokalredakteur im selben Verlag, und -vor 1974- als Bühnenmaschinist bei Staatstheater Hannover, Waldarbeiter, Milchauslieferer (morgens von 4 bis 10 Uhr), Minicarfahrer, Autoverkäufer, davor Lehre als Industriekaufmann bei der Hanomag in Hannover, davor Mittlere Reife an der Gerhart-Hauptmann-Schule, während der Schulzeit Kinderarbeit im Kiosk der Mutter (Jahrgang 1927), die alleinerziehend vier Kinder großgezogen hat - mit Hilfe ihrer Mutter (Jahrgang 1898), die in zwei Kriegen traumatisiert worden ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.