Verteilungspolitik ist Friedenspolitik

Die Drohungen, die über unserem Lebensalltag schweben, sind fast unbegreiflich. Für viele von uns spielt sich die Wirtschaftskrise vorwiegend in den Nachrichten und Kommentaren ab. Wir, die wir kaum Vermögen haben, das sich bei Lehmann und seinen Brüdern in Nichts auflösen kann, verlieren schlimmstenfalls den Arbeitsplatz – aber an diese Sorge sind wir seit den achtziger Jahren gewöhnt. Eben seit sich hier und auf der ganzen Welt die Ideologie durchgesetzt hat, dass nur mit Wachstum der Wirtschaft und vor allem der Gewinne alles gut wird. Kaum einer von denen, die diese Ideologie vertreten, gibt zu, dass genau dieses Denken die Ursache der Krise ist.
Wer sich dem Thema mit einfachen Mitteln, also mit logischem Denkvermögen und den Grundrechenarten nähert, sieht sofort, dass diese Katastrophe unvermeidlich (gewesen) ist. Unser Wirtschaftssystem macht es möglich, dass sich einzelne Personen im Lauf ihres Arbeitslebens Vermögen aneignen können, das die Jahreswirtschaftsleistung ganzer Völker übersteigt. Vorstände eines einzigen Großkonzerns bekommen mehr Jahreseinkommen zugesprochen als Tausende tariflich bezahlter Angestellter – obwohl die doch eigentlich dafür sorgen, dass die Wirtschaft wirklich funktioniert.
Abgesehen von der empörenden Ungerechtigkeit steckt darin auch ein schier unglaublicher Irrsinn. Es ist doch keine neue Erkenntnis, dass Besitzer großer Vermögen danach streben, ihr Geld zu mehren. Also haben sie mitgezockt, wenn Finanzjongleure immer neue „Produkte“ ersonnen haben, um Gewinne mit der Anlage von Geld zu steigern. Und hier offenbart sich schon sprachlich ein wesentlicher Teil des Irrsinns, der den Titel „Wirtschaft“ längst nicht mehr verdient.
Das Wort „Produkt“ bezeichnet ursprünglich ein Erzeugnis, ein „Produzent“ ist ein „Hersteller“. Nun mag es ein Mangel meiner Realschulbildung sein, dass ich mir das eingeprägt habe als Wort für das Ergebnis eines Herstellungsprozesses. Es erscheint mir völlig unpassend als Wort für ein finanztechnisches Angebot zum Geldverdienen. Und es mag meiner beschränkten kaufmännischen Ausbildung der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts geschuldet sein, dass ich immer noch davon ausgehe, geliehenes Geld müsste im Zusammenhang stehen mit der Sicherheit, die der Entleiher dem Verleiher bietet. Früher waren das anfassbare Werte, Gold oder Eisen oder auch die Aussicht, genug Kartoffeln zu ernten.
Unser ganzes System des Wirtschaftens und Finanzierens sowie des Steuerns der Wirtschaft durch Steuern, die der Staat erhebt, ist einer Zeit entwachsen, in der die anfassbaren Werte die Hauptrolle gespielt haben. Na klar, es gibt nachweislich Spekulationsblasen, seitdem die Tulpenzwiebeln nicht in Amsterdam angekommen sind, auf die die vielen kleinen und großen Anleger 1637 viel Geld gewettet haben. Sie nannten das auch schon irrtümlich „Geldanlage“, obwohl das damals schon Roulette hätte heißen müssen. Sprachliche Genauigkeit kann jederzeit helfen, Irrtümer zu vermeiden.
Spekulanten gehen davon aus, dass sie etwas wissen oder erahnen, was andere Marktteilnehmer (noch) nicht wissen können. Das gilt jedenfalls für die kleinen Spekulanten, die ihr Vermögen schrittweise vermehren wollen. Es gilt aber schon lange nicht mehr für die großen Spekulanten. Wenn die nämlich ihre Stellschrauben drehen, können sie mit ihren Aktionen dafür sorgen, dass sie ihr Ziel erreichen, nur weil sie das so wollen. Dass das geht wissen wir, seit dem Spekulanten mit großen Vermögen ganze Landeswährungen nach ihrem Gusto manipuliert haben.
Aber warum darf das gehen? Warum geht es nicht, weltweit die Finanzströme so mit Steuern zu steuern, dass derartige Spekulationen mangels Gewinnaussicht schlicht und einfach unmöglich sind? Meine Antwort lautet: Weil diejenigen, die so tun, als könnten sie uns die Wirtschaft erklären, eigentlich selbst nicht genug verstanden haben. Sie denken nicht hinreichend darüber nach, in einer sich ständig verändernden Umgebung die Regeln an die neue Entwicklung anzupassen. Das ist die gutwillige Erklärung, zu der ich immer zuerst neige. Es gibt bestimmt auch Leute, die ganz gut verstehen, wie der Hase läuft, uns aber die Welt vernebeln wollen, damit wir ihre Gewinnkreise nicht stören.
Im Rahmen der gutwilligen Erklärung will ich Beispiele nennen, warum die Regeln für das Wirtschaften längst nicht mehr passen können. Massenproduktionen sind im vorigen Jahrhundert an mehrere Bedingungen geknüpft gewesen, die heute nicht mehr so gelten. Klar, für Autos und Waschmaschinen müssen auch heute noch Pläne konstruiert und Rohstoffe bearbeitet werden. Aber wo zur Zeit des New Deal in den USA das Konzept aufgehen konnte, vielen Menschen Arbeit zu geben, damit sie viele Produkte nachfragen und bezahlen können, hat diese Kette heute eine bedeutende Lücke. Kollege Roboter schraubt die Fahrzeuge zusammen, und der braucht keine Waschmaschine.
Außerdem gibt es heutzutage Massenware, für die der Rohstoffeinsatz weniger Geld kostet als die gesunde Ernährung der Erfinder. Wenn jemand ein brauchbares Computerprogramm entwickelt, lässt sich das massenhaft verkaufen, vorausgesetzt zur guten Idee gesellt sich die clevere Verkaufsstrategie. Rohstoffe, also anfassbare Werte, stecken kaum dahinter. Aber unser Steuersystem, auch die Vorschriften für Bilanzen stammen eben aus der Zeit, als die Beziehungen zwischen materiellen und virtuellen Werten noch ganz anders geknüpft waren.
Wir haben auch noch nicht verstanden, den Wert von Arbeitsleistungen neu zu definieren. In der Dienstleistungsgesellschaft wird kaum unterschieden zwischen einmaligen, nicht wiederholbaren Arbeiten – Haarschneiden oder eine Krankheit diagnostizieren – und solchen, die beliebig reproduzierbar sind: Musik komponieren oder Informationen im Internet verbreiten. Mit den Grundrechenarten ist auch zu beweisen, dass die Sozialkassen nicht mehr allein von den Arbeitenden und den Arbeitgebern zu finanzieren sind. Dafür ist die Abschaffung der Arbeit im produzierenden Gewerbe einfach schon zu weit fortgeschritten.
Es gibt keinen Weg zurück, alte Regeln konservativen kaufmännischen Verhaltens passen sicher nicht für die neue Welt mit virtuellen Wirtschaftsformen. Obwohl wir von den alten Regeln mehr lernen können als von den Wirtschaftsweisen, die uns weismachen wollen, dass der Markt alles besser weiß. Es gibt nur den mutigen Weg nach vorn.
Erste neue Regel könnte sein, die Verteilung der Geldmenge noch konsequenter als bisher von den anfassbaren Werten abzukoppeln. Die Herren über die Finanzmärkte legen ja schon die Geldmengen fest, die in den Wirtschaftszonen kreisen dürfen. Davon ausgehend kann es kein zu großer Schritt mehr sein, den Menschen in einem Wirtschaftsraum ein arbeitsunabhängiges Einkommen zur Verfügung zu stellen. Zugleich müsste denen, die ihre riesigen Vermögen um die Welt kreisen lassen, bei jeder Transaktion ein Beitrag fürs Gemeinwohl abgezogen werden.
Ob das wirklich die richtigen Schritte in eine Zukunft ohne wirtschaftliche Katastrophen sind, will ich nicht einfach behaupten. Ich halte sie aber für die wichtigen Ideen, die zur Lösung der aktuellen und Vermeidung der zukünftigen Probleme sorgfältig geprüft werden sollten. Die Politiker allein werden das nicht tun, wir müssen sie schon nachhaltig dazu auffordern. Wenn die Politik weiter auf die Meinungsmacher hört, die uns mit ihrer falschen Marktideologie in die Katastrophe geführt haben, droht auch die noch größere Katastrophe, die in Krieg und Vernichtung mündet. Verteilungspolitik ist Friedenspolitik, das ist unser gemeinsames Interesse.

Veröffentlicht von

Bernd

Jahrgang 1948, verheiratet, keine Kinder; Ehrenämter als Jugend-Fussballtrainer (vor 1975) und Gewerkschafter in der IG Medien und in ver.di, als Präsidiumsmitglied in der Gründungsphase von 2000 bis 2006 in Niedersachsen/Bremen. Rentner seit 2005, zuvor Berufserfahrung als Vollzeit-Betriebsrat im Zeitungsverlag, als Lokalredakteur im selben Verlag, und -vor 1974- als Bühnenmaschinist bei Staatstheater Hannover, Waldarbeiter, Milchauslieferer (morgens von 4 bis 10 Uhr), Minicarfahrer, Autoverkäufer, davor Lehre als Industriekaufmann bei der Hanomag in Hannover, davor Mittlere Reife an der Gerhart-Hauptmann-Schule, während der Schulzeit Kinderarbeit im Kiosk der Mutter (Jahrgang 1927), die alleinerziehend vier Kinder großgezogen hat - mit Hilfe ihrer Mutter (Jahrgang 1898), die in zwei Kriegen traumatisiert worden ist.

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