Steinbrück beschwört „Himmels Willen“

Was haben Politiker und Prediger gemeinsam? Sie wollen uns Glauben machen. Manchmal drücken Politiker sogar ganz unwillkürlich aus, wie nahe sie den Predigern stehen. Nehmen wir als Beispiel den deutschen Bundesminister für Finanzen, Per Steinbrück. Er weiß ja, wie Finanzmärkte ticken. Deshalb beteiligt er sich intensiv am Glauben machen, damit die kleinen Sparer, die selbst nicht alles wissen können und darum vieles glauben müssen, keinen Schreck kriegen, wenn sie von der Krise am Finanzmarkt hören oder lesen. Oder wenn sie sehen, dass in London die Kunden einer Bank Schlange stehen, um ihr Geld abzuholen.

Dann tritt der Glaubenmacher ganz seelenruhig vor die Kameras und verkündet im Ersten, in der Tagesschau, was in London passiert, könne im Euroland nicht sein. Hier haben doch die Euro- und die Bundesbänker den Geschäftsbanken billiges Geld gegeben, damit die immer alle Kreditwünsche und jedes Auszahlungsbegehren erfüllen könne. Und dann sagt Steinbrück noch, die Sparer in Euroland sollten ja nicht in Panik verfallen, „um Himmels Willen!“

Tja, da ist sie wieder, die Gelegenheit, offene Aussprache als entlarvend zu erkennen. Der Herr Minister weiß natürlich, dass die Finanzwelt geradezu darauf angewiesen ist, die einfachen Menschen, die den Banken ihr Geld zum Geldvermehren bereit stellen, ruhig zu stellen. Als Zeitungsleser und Tagesschaugucker wissen wir immerhin genug, um die Grundrechenarten sinnvoll zu benutzen. Wir müssen abziehen können, Pluszeichen sind für uns nicht so wichtig.

Abziehen konnten die Banken in den USA offenbar besonders gut, nämlich ihre Kunden. Sie haben Kredite verkauft, die selbst viele der notorisch auf Pump lebenden Amis in den persönlichen Bankrott getrieben haben. Bevor das soweit war, haben die Banken die Rechte an den Krediten weiter verkauft. Mir persönlich bleibt zwar die mathematische Formel verborgen, nach der ein ungesicherter Kredit mit Gewinn verkauft wird. Aber sei´s drum, die Kreditkäufer haben eben dran geglaubt. Nun müssen aber die Kreditnehmer dran glauben, weil sie die höheren Zinsen nicht mehr zahlen können, die von den Käufern der Kreditrechte verlangt werden.

Rechnen können die aber alle nicht, sie glauben das nur. Die Bankkunden haben nicht mit höheren Zinsen gerechnet. Die Kreditrechte-Käufer haben nicht damit gerechnet, dass ihr Geschäft zusammen bricht, wenn sie zu hohe Zinsen verlangen. Und die Banken haben sich verrechnet, weil sie die ungesicherten Kredite in dem Glauben abgeschoben haben, sie hätten damit auch möglichen Schaden abgeschoben. Dummerweise haben aber die gleichen Banken auch noch die Geschäfte der Kreditrechte-Käufer mit Krediten finanziert. Das Geld ist jetzt auch futsch. Da hätten sie doch eigentlich gleich die ungesicherten Kredite abschreiben können, ohne den Umweg über die Zwischenhändler. (Wie heißen die gleich? „Hedgeschrecken“ oder „Heufonds“?)

Kann ja sein, dass ich nur glaube, dieses unverständliche Geschäftsgebaren halbwegs verstanden zu haben. Aber dann befinde ich mich ganz sicher in prominenter Gesellschaft. Es ist mir zwar etwas peinlich, mit Per Steinbrück und anderen Finanzgurus in einem Topf zu schwimmen (bestimmt nur in diesem Thementopf, glaube ich!). Aber alle diese Experten gehören ausweislich ihrer offenen Aussprache eben auch zu den Leuten, die Nichtwissen durch Glauben ersetzen. Denn das verstehe ich doch richtig: „Himmels Willen“ ist nur was für Gläubige.

Veröffentlicht von

Bernd

Jahrgang 1948, verheiratet, keine Kinder; Ehrenämter als Jugend-Fussballtrainer (vor 1975) und Gewerkschafter in der IG Medien und in ver.di, als Präsidiumsmitglied in der Gründungsphase von 2000 bis 2006 in Niedersachsen/Bremen. Rentner seit 2005, zuvor Berufserfahrung als Vollzeit-Betriebsrat im Zeitungsverlag, als Lokalredakteur im selben Verlag, und -vor 1974- als Bühnenmaschinist bei Staatstheater Hannover, Waldarbeiter, Milchauslieferer (morgens von 4 bis 10 Uhr), Minicarfahrer, Autoverkäufer, davor Lehre als Industriekaufmann bei der Hanomag in Hannover, davor Mittlere Reife an der Gerhart-Hauptmann-Schule, während der Schulzeit Kinderarbeit im Kiosk der Mutter (Jahrgang 1927), die alleinerziehend vier Kinder großgezogen hat - mit Hilfe ihrer Mutter (Jahrgang 1898), die in zwei Kriegen traumatisiert worden ist.

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